Poetische Systeme

Sonntag, den 2. Juni 2013, 17 Uhr

Es soll diesmal um das Verhältnis von Kunst und Poesie gehen. Zum Thema liest Günter Nosch.

POETISCHE SYSTEME

Erstens. Vom Wandern und Wandeln
Hinter mir hängt eine Text-Arbeit, die das Thema anreißt, um das es im ersten Betrachtungspunkt geht. Für meinen Freund und Fotografen Hans Deumling habe ich zu einer Ausstellung mit dem Titel “Wanderlust” folgenden Text geschrieben:

So wie das Wort wanderlust auf seiner Reise von der Deutschen Romantik in die amerikanische Gegenwart seine Bedeutung gewandelt hat und sich heute mit Fernweh übersetzen lässt, wandelt sich alles, wenn es seinen Ort wechselt. So auch der Mensch, wenn er sich im ursprünglichen Sinn auf eine Wanderung oder Reise begibt. Nur sucht der Mensch oft etwas “Anheimelndes” in der Ferne, nimmt gar Heimat mit in die Fremde – er will bleiben, obwohl er reist.

Zu diesem und jedem der folgenden Punkte möchte ich eine kleine Notiz an die Wand hängen, um dem jeweiligen Gedanken einen Ort zu geben.

[ wanderlust ]

Zweitens. Was ist ein poetisches System?
Ist nicht Sprache selbst ein poetisches System? Falls ja, wo sind die Grenzen dieses Systems? Wenn zum Beispiel ein Wort wie wanderlust nicht übersetzt sondern nur übergesetzt wird über den Strom, der zwei Sprachen trennt, dann kann man sehen, dass dieses Wort ein System verlässt. Es mischt sich, so wie es ist, unter die Worte der anderen Sprache und wird dort freundlich oder feindlich aufgenommen. Dabei wird es auf- oder abgewertet, wird neue Beziehungen eingehen und meistens wandelt es im Laufe der Jahrzehnte seine Bedeutung. Geht es nicht auch etwas kleiner? Muss es denn gleich die Deutsche Sprache als Ganzes sein? Nein. Es reichen auch zwei, drei Worte um ein kleines poetisches System zu schaffen.
Für die Wand:

Vor Ver Führung

Drittens. Der Ort der Worte
Wie man ebenfalls hinter mir sehen kann, spielt das Wo eines Wortes durchaus eine Rolle. Dies ist bei einer solchen Text-Arbeit aus dem Bereich der visuellen Poesie nicht unbedingt überraschend. Aber zu Beginn des 21. Jahrhunderts wird es bedeutungsvoll, dass das geschriebene Wort in unserer Kultur, die getragen wurde von der Entwicklung des Buches, meist einen ganz bestimmten Ort hatte. Es hatte seine Position auf einer Seite und diese Seite hatte ihre Position im Buch. Hierbei gab es ein Oben und Unten, ein Vorne und Hinten und dadurch fast zwingend ein Vorher und Nachher.
Vielleicht [ ] liegt mein Unbehagen mit den digitalen Medien heutiger Zeit darin begründet, dass die Worte in dieser virtuellen Welt keinen greifbaren und damit in gewisser Hinsicht auch keinen begreifbaren Ort mehr haben. Daher erlaube ich mir als Hinweis auf die Bedeutung des Ortes eines Wortes folgende Notiz:

[ WOrte ]

Viertens. Ich meine mich
“Wenn Sie mich fragen, was ich so tue, kann ich nur sagen, ich lebe poetisch.” (Pause!)
Wem ist es aufgefallen, dass alle Aussagen der Text-Arbeit hinter mir mit “Ich” beginnen könnten? Also: Ich will fort, Ich bin dort, Ich will zurück, Ich bin da.
Poesie ist – subjektiv, egozentrisch, ja egomanisch. Sie ist von der ganz eigenen Wahrnehmung und Warte eines Einzelnen bestimmt. Diese Behauptung möchte ich einfach so stehen lassen, sie ist wichtig. Ich nenne dieses Phänomen Wicht-Ich und schreibe das ganz – klein und mein in die Wand hinein:

WICHT ICH

Fünftens. Mein Lieblingsbuch
Das hier war in einer Phase meines Studiums mein Lieblingsbuch. Es ist von dem Philosophen Hans Georg Gadamer, genauer war es ein Vortrag von ihm mit dem Titel:
Kunst als Spiel, Symbol und Fest (als Buch: Die Aktualität des Schönen, Reclam)
Darin ist auf wohltuend altmodische Weise das Wesen von Kunst beschrieben.
Ich habe das Buch zweimal, halte mit der rechten und der linken Hand je eines in die Höhe. “Dieses Buch habe ich gelesen.” “Dieses Buch habe ich nicht gelesen.”
Die Idee zu dieser kleinen Vorführung oder Performance ist nicht von mir. Sie geht auf den Künstler Timm Ulrichs zurück. Aber sie passt mir gut ins Konzept, denn sie weist auf das Dingliche – selbst im Fall solch geistiger Prozesse wie dem Lesen oder der Liebe.
Wem darf ich das Ungelesene zum Lesen schenken?
Mit dem Gelesenen mache ich (mit Tape) ein Zeichen an die Wand.

[]

Sechstens. Das Wort als Symbol
Aus meinem bereits Gelesenen lese ich etwas zur Herkunft des Symbols.
Hans Georg Gadamer:
“Was heißt Symbol? Es ist zunächst ein technisches Wort der griechischen Sprache und meint die Erinnerungsscherbe. Ein Gastgeber gibt seinem Gast die sogenannte “tessera hospitalis”, das heißt er bricht eine Scherbe durch, behält die eine Hälfte selber und gibt die andere dem Gastfreund, damit, wenn in dreißig oder fünfzig Jahren ein Nachkomme dieses Gastfreundes einmal wieder ins Haus kommt, man einander beim Zusammenfügen der Scherben zu einem Ganzen erkennt. Antikes Passwesen: das ist der ursprüngliche technische Sinn von Symbol. Es ist etwas, woran man jemanden als Altbekannten erkennt.”

Gadamers Text beschreibt im Weiteren den alten griechischen Mythos, nach dem die Menschen Kugelwesen waren und von den Göttern zur Strafe auseinandergeschnitten wurden. Nun sucht jede dieser Hälften ihre Ergänzung. – Ein sehr schönes Gleichnis für Liebe und Wahlverwandtschaft, das sich übrigens gut auf die Begegnung eines Menschen mit Kunst übertragen lässt.

Dazu hänge ich den Text von Gadamer zur Herkunft des Wortes “Symbol” an die Wand. Den Inhalt habe ich durch die Gestalt der Typografie illustriert.

[Tessera hospitalis]

Siebtens. Die Überfrachtung
Auf irgendeiner Tagung fordert jemand ein “an der Schöpfung ausgerichtetes Denken”. Was immer damit gesagt werden soll, es spannt sich den Kredit des schier allmächtigen Wortes “Schöpfung” vor den Karren. Wie wenig weit das trägt, wie leicht unsere Übereinkunft, dass ein Wort einen Inhalt transportiert, gebrochen werden kann, soll ein einfacher Versuch vorführen. Entnommen ist dieses Beispiel dem Kapitel “Die Herrschaft der Phrase” aus “Variationen” von Albrecht Fabri.
Ich werde das Wort zehnmal wiederholen: Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung, Schöpfung.

Ich behaupte nun, dass für die meisten hier im Raum die Bedeutung des Wortes zumindest leicht verschwommen ist. Deswegen hänge ich als Symbol eine besondere Zahl auf.

 

[7]

Achtens. Vom Verhältnis der Worte
“Fang war das Wort am an.” Kennen Sie den Satz? Ist es ein Zitat? Das Zitat ist da und doch nicht da. Hier wird auf einen großen Satz Bezug genommen, ohne ihn direkt zu zitieren – ein Spiel mit einem der bedeutendsten Sätze unserer Kultur – bedeutend, unabhängig davon, ob wir gläubig sind oder nicht.
Außerdem bezieht sich dieser Satz “Fang war das Wort am an.” auf Timm Ulrichs, der den äußerst konkreten Satz formulierte: “Am Anfang war das Wort – am.”
Für jeden der drei Sätze mache ich eine Nadel an die Wand und bringe diese mit Bindfaden in eine Beziehung. Und ich behaupte, dass durch solche Bezüge Assoziationsräume aufgehen, die haltbarer sind als der auf den ersten Blick bedeutende Gehalt von großen Worten wie zum Beispiel “Kreativität” oder “Schöpfung”.

[ 3-eck ]

Neuntens. Der Weg im Kopf
Gehören Sie zu den Leuten, die eine gute Idee, um sie nicht zu vergessen, sofort aufschreiben – und sie dann vergessen?
Oder gehören Sie zu den Leuten, die eine Idee im Kopf weiterstricken, fasziniert den Verästelungen ihres genialen Einfalls folgen, also ohne viel zu denken, ohne viel zu lenken ihren Gedanken nachhängen – und dabei die ursprüngliche Idee vergessen?
Ehrlich gesagt, macht beides kaum einen Unterschied, denn das eigentlich Wichtige ist in beiden Fällen die Wiederaufnahme des Gedankens innerhalb eines überschaubaren Zeitraumes. Im ersten Fall muss man den Aufschrieb wiederfinden, um sich von der guten Idee wieder auf den Weg bringen zu lassen. Im zweiten Fall kann man sich – nach Stand der Neurologie – darauf verlassen, dass man beim willenlosen Streifen durch den Kopf den unlängst begangenen Pfad – man stelle sich ein aktives Aktionsmuster vor – wiederfinden und erneut beschreiten kann. Und vermutlich kann man davon ausgehen: Ein jeder Weg, den man im Kopf nimmt, kann zum Trampelpfad werden oder versanden.

[ halbe Walnuss ]

Zehntens. Die Erfahrung der Welt
Die Erfahrung – ein hübsches Wort, um den Kreis zu schließen. Er-fahrung, das ist als ob einer durch die Welt fahren würde, sie dabei erfährt und wahrnimmt. Dazu habe ich etwas sehr Schönes bei Albrecht Fabri gefunden: “Für den Schriftsteller selbst ist die (ganze) Welt Syntax (Satzbau). Er untersucht und erforscht die Welt in den Strukturen seiner Sätze. Indem für sie (die Welt) Sprache entsteht, entsteht sie selbst. (…) Das Wort verhält sich zur Welt nicht als Etikett, sondern die Welt zum Wort als Antwort.” Zitat Ende.

[ ant wort ]

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