Hilma af Klint

Leben und Werk.

Sonntag 7. Juli 2013, 17 Uhr

Eine Pionierin der Abstraktion vorgestellt von Angelika Bartholl.

HILMA AF KLINT

Leben und Werk

Seit Hilma af Klint 2013 ihre erste Einzelaustellung in Stockholm hatte, ist es kein Geheimnis mehr, welche geballte Kraft in ihrem Werk steckt. Fast hundert Jahre blieb Hilma af Klint von der Kunstgeschichte so gut wie unbemerkt. 1906 datierte sie ihr erstes abstraktes Bild. Dies sind ungefähr fünf Jahre, bevor Wassily Kandinsky, der sich selbst als den Begründer der Abstraktion bezeichnete, sein erstes abstraktes Bild datierte.

1862 wird Hilma af Klint, als das vierte von fünf Kindern, in eine wohlhabende Familie in Stockholm geboren. Der Vater ist von Beruf Marineoffizier, durch ihn wird ihr Interesse an der Natur und Mathematik geweckt. Der frühe Tod der Schwester verstärkt ihre Fragen nach Religion und Spiritismus. Die Polaritäten Materie und Geist werden von nun an ihr Leben und Werk bestimmen.

Als eine der ersten Frauen studiert sie 1882 an der Stockholmer Kunstakademie. Mit ihren naturalistischen Porträts und Landschaften zeigt Hilma af Klint schon früh eine außergewöhnliche Begabung. Die Akademie fördert sie entsprechend und stellt ihr ein Atelier zur Verfügung.

Zusammen mit vier anderen Frauen der Akademie gründet sie die Gruppe „die Fünf“. Jeden Freitag treffen sie sich in einem dafür eigens von ihnen hergerichteten Raum, zeichnen und halten Seancen ab. Ihre Zeichnungen entstehen ohne innere Kontrolle und visuelle Steuerung. Im Anschluss der Sitzung halten die Frauen ihre Erfahrungen in Protokollen und in Notizbüchern fest.

Die ersten Jahre ihrer Abstraktion führt sie, wie sie selbst sagt, als Medium ohne freien Willen aus. 1907 schuf sie innerhalb von zwölf Monaten die Serie „die zehn Grössten“.
Die Bilder beeindrucken zum einen über die Ungewöhnlichkeit ihrer Farben, und zum anderen durch das Format von über dreihundert mal zweihundert Zentimetern. Oftmals haben ihre Serien noch Unterserien, so dass man von Serien in Serien sprechen kann.

Als Hilma af Klint Rudolf Steiner, der aus der Theosophie die Anthroposophie entwickelte, kennenlernt, wendet sie sich von ihrer bisherigen, unbewussten Arbeitsweise ab. Sie besucht seine Vorträge und verarbeitet das gehörte schriftlich und bildhaft in ihren Notizbüchern.

Rudolf Steiner ist an einer Geistesbildung gelegen, die sich um einen bewussten Zugang zu den übersinnlichen Quellen bemüht. Für Hilma af Klint war diese Vorstellungswelt auf unterschiedliche Weise erfahrbar.
Aus dieser Perspektive erklärt sich für mich die Tatsache, dass sie in ihrem Gesamtwerk als nicht durchgehend abstrakt zu bezeichnen ist. Für sie war die geistige Welt konkret und musste nicht abstrahiert werden. So wie die Farbe gelb als Farbe zu erleben ist, so ist sie für Hilma af Klint zugleich auch Ausdruck der Gedankenkraft. Dies bedeutet, dass die Farbe an sich und als Inhalt Berechtigung hat. Für Hilma af Klint war Materie und Geist kein Widerspruch.

In der nordischen Mythologie gab es am Anfang der Schöpfung nur ein Gebiet leeren Raumes und den Weltenbaum. Die Geschlechter lebten in Einheit, aus der heraus sich Mann und Frau in eine Zweiheit teilten. Mit der Möglichkeit, vom Baum der Erkenntnis zu essen, entwickelte sich das Prinzip der Freiheit. Die Pole Mann/Frau, Gut/Böse sind von nun an die Triebfeder jeder Entwicklung.

Dieses Thema durchzieht Hilma af Klints Werk. Das Gelb steht für das männliche Prinzip und das Blau steht für das weibliche Prinzip. U für Geist und M für Materie.
In verschiedenen Kürzeln entwickelt Hilma af Klint ein Lexikon, welches sie in immer wieder neuen Kombinationen in ihren Bildern zusammenführt.
Zum Ende ihres Lebens sucht Hilma af Klint noch einmal nach einem neuen Malstil.
Sie nennt diese letzte Serie „Beim betrachten von Blumen und Bäumen“. Es entstehen Aquarelle, in denen sie sich ganz dem Betrachten der Natur hingibt. Aus den daraus entstehenden Gedanken und Empfindungen malt sie ihre letzten Bilder.
Sie arbeite viel am Goetheanum, besucht die Vorträge von Rudolf Steiner und setzt sich mit seinen Gedanken zur Kunst und Kunsterkenntnis auseinander.

Rudolf Steiner lehnte in jeder Form die Abbildung des Sinnlichen und den Versuch, das Übersinnliche zu offenbaren, ab. Hilma af Klint war in ihrem Leben und in ihrem Werk auf der Suche nach Erkenntnis der inneren und äußeren Welten.
Malerei und Leben waren für sie eins und nicht in ihren Bewußtseinsebenen zu trennen. In dem Wissen, dass die Zeit ihrer Bilder in der Zukunft liegt, starb sie 1944, im Alter von 82 Jahren.

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